Trauer braucht einen Schutzraum
Frau Blumenstein, der Tod gehört zum Leben dazu und doch tun wir uns schwer damit - mit Trauer und Abschiednehmen. Warum ist das so?
Petra Blumenstein: Es liegt in der Natur des Menschen, sich lieber mit dem Leben zu beschäftigen als mit dem Tod. Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit bedeutet, sich darüber bewusst zu werden, dass unser Leben nicht ewig dauern wird. Mir begegnen viele Menschen, bei denen die Beschäftigung mit Trauer und Tod eher Unbehagen auslöst. Und mal ehrlich: Wenn man mitten im Leben steht, gesund ist und alle Lieben um sich hat, warum sollte man sich freiwillig mit einer so schweren Thematik auseinandersetzen? Es erfordert schon eine große Portion Disziplin und Mut, sich bewusst zu machen, dass die Anerkennung des Todes als Teil des Lebens mein Handeln und Wirken im Hier und Jetzt auf vielfache Art und Weise beeinflussen kann. Meistens gibt ein aktueller Anlass den Anstoß, sich diesen Fragen zu stellen. Gleichzeitig wäre es naiv zu denken, dass der Tod und damit auch die verbundene Trauer gesellschaftlich keine Rolle spielen würden. Laut Statistischem Bundesamt sind allein im September dieses Jahres knapp 80.000 Menschen in Deutschland verstorben: Eine Erkrankung des Arbeitskollegen, der Unfall eines Freundes oder auch das hohe Alter der eigenen Eltern - schnell können Tod und Sterben eine Relevanz bekommen, mit der man selber nicht gerechnet hat. Und spätestens dann sieht man sich mit der eigenen Trauer und der Frage konfrontiert: Wie gehe ich jetzt mit dieser Situation um? Irgendwann passiert was, ein Todesfall, und dann kommen die Leute auch zu mir.
Seit 2022 haben Sie die Trauerbegleitung für den Caritasverband Hochtaunus neu aufgesetzt. Haben neue Angebote geschaffen, um Trauer den Raum zu geben, den es braucht. Warum ist das so wichtig?
Petra Blumenstein: Jeder von uns kennt das Gefühl, traurig zu sein. Wenn wir etwas verlieren, und sei es nur einen Gegenstand, den wir gerne mochten, dann macht das etwas mit uns. Trauer hilft uns in vielerlei Hinsicht, mit einem Verlust, auch dem eines geliebten Menschen, umzugehen: Als ganz normale Reaktion löst sie in uns eine Vielzahl an Emotionen aus, die uns bei der Verarbeitung des Verlustes helfen. Lassen wir diese Emotionen zu, dürfen wir unsere Gedanken und Gefühle äußern, bekommen wir von unserem Umfeld ausreichend Zeit, findet in uns eine Entwicklung statt und wir lernen, mit dieser Veränderung, die der Verlust mit sich bringt, zu leben - passen uns also langfristig an die neue Lebenssituation an. Je nachdem, wie tief uns der Verlust persönlich erschüttert, kann diese Anpassung sehr schwer sein und lange dauern.
Was aber, wenn wir all das nicht haben, weder ein verständnisvolles Umfeld noch uns die Zeit nehmen, die eigene Trauer zuzulassen?
Petra Blumenstein: Dürfen wir unsere Trauer nicht zeigen, müssen wir sie vielleicht sogar verstecken oder schämen wir uns, kann sie uns langfristig auf physischer oder psychischer Ebene krank machen. Das wollen wir mit unseren Angeboten zur Trauerbegleitung verhindern. Menschen, die auf ihrem Trauerweg Unterstützung suchen, sollen nicht alleinstehen - das ist unser Anliegen. Aus meinen Gesprächen mit trauernden Menschen höre ich immer wieder heraus, dass es zusätzlich großes Leid mit sich bringt, wenn sich Freunde oder Familie mit der Zeit distanzieren, ungeduldig werden oder sich gar abwenden, weil sie die Trauerreaktionen nicht mehr aushalten - dies verstärkt das Gefühl der Einsamkeit zunehmend und vermittelt den Eindruck, man wäre nicht normal. Aus meiner Sicht brauchen wir in unserer schnelllebigen Gesellschaft ein größeres Verständnis dafür, dass Menschen, die sich ihrer eigenen Trauer stellen, vor allem eines brauchen: Zeit.
Das sind vermutlich ganz unterschiedliche Menschen, die zu Ihnen kommen und Unterstützung suchen. Kann es hier ein standardisiertes Vorgehen geben?
Petra Blumenstein: Jeder Mensch trauert anders, das stimmt. Und doch erlebe ich in meiner Tätigkeit, dass eine qualifizierte Begleitung, die sich an dem Bedürfnis, dem Tempo, der individuellen Situation und den Ressourcen der trauernden Person orientiert, stützend und heilsam sein kann. Menschen nehmen das Angebot der Trauerbegleitung an, weil sie hier in einem geschützten Rahmen alles äußern dürfen, was sie bewegt: Angst, Schuld, Zweifel, Wut oder auch Erleichterung. Es gibt so vielfältige, manchmal heftige oder widersprüchliche Reaktionen auf einen Verlust und es ist ganz entscheidend in der eigenen Trauerverarbeitung, dass ich jemanden habe, der diese Reaktionen mit mir gemeinsam aushält - egal, wie lange es dauert. Und in dem Prozess der Begleitung merken die Menschen, dass sich etwas ändert, dass sich irgendwann neue Perspektiven entwickeln, dass sie, auch wenn es sich anders anfühlt, nicht stehenbleiben, sondern sich auf den Weg machen - das allein gibt schon Hoffnung. Trauer ist oft schmerzhaft, hat aber auch immer etwas mit einem Weitergehen zu tun und damit, eine neue Art der Verbindung zu dem Verstorbenen zu finden. Das kann ein Ort der Trauer sein wie auf dem Friedhof oder auch ein Ritual, das Trost spendet und hilft, den Tod ins eigene Leben zu integrieren. Man kann nicht mal eben einen geliebten Menschen hinter sich lassen.
Wie läuft das ab, wenn eine trauernde Person Sie kontaktiert?
Petra Blumenstein: Trauerbegleitung kann man für sich als Einzelangebot oder im Rahmen einer Gruppe in Anspruch nehmen. Beide Formate bieten wir an und klären vorher, was die anfragende Person für sich braucht. Zusätzliche Angebote wie die Trauerspaziergänge - als offene Gruppenveranstaltung, einmal im Monat - setzen einen anderen Schwerpunkt: Hier geht es um Bewegung und das Erleben der Natur als Kraftquelle. Unsere Angebote richten sich an trauernde Menschen aus dem Hochtaunus. Mir ist es immer wichtig, möglichst niedrigschwellig zu arbeiten. Wenn also jemand den Mut und die Kraft aufbringt, mich zu kontaktieren, versuche ich, immer weiterzuhelfen. Und gegebenenfalls an eine Stelle zu vermitteln, die für die anfragende Person besser zu erreichen ist, damit zum Beispiel jemand aus Frankfurt nicht nach Oberursel fahren muss.
Wie werden die Angebote angenommen?
Petra Blumenstein: Mehr als 70 Menschen haben wir bislang über unsere Einzel- und Gruppenangebote erreicht. Gerade die Einzelbegleitung wird sehr stark nachgefragt, meist, wenn der Verlust noch sehr nah erscheint. Die Gruppenangebote haben einen stabilisierenden Charakter und werden vor allem von Menschen aufgesucht, die im Kontakt mit Gleichgesinnten und im gegenseitigen Austausch Kraft und Hilfe finden. Die Angebote der Trauerbegleitung sollen zu der aktuellen Situation passen, in der sich die Person gerade befindet. Es kommt immer der Zeitpunkt, an dem man merkt: Jetzt bin ich ein Stück weitergegangen und brauche den Halt einer Trauergruppe nicht mehr. Das ist eine gute und gesunde Entwicklung - führt aber auch dazu, dass man sich als Trauerbegleiter*in in Gruppen fortlaufend auf neue Teilnehmende einstellen muss.
Wie hat Corona die Arbeit mit den Menschen verändert und gibt es Nachwehen, die noch heute spürbar sind?
Petra Blumenstein: Die Einschränkungen der Corona-Jahre 2020 bis 2022 haben die Verarbeitung der eigenen Trauer erschwert. Durch die restriktiven Besuchsregeln in Pflegeheimen oder Krankenhäusern hat bei vielen Menschen der Aspekt des sich Verabschiedens gefehlt. In der Trauerarbeit ist dies ein wesentliches Element, denn durch die Möglichkeit, den Verstorbenen noch einmal sehen oder gar berühren zu dürfen, kann der Tod begreifbar werden. Menschen, die durch die Coronabeschränkungen diese Möglichkeit nicht hatten, weil etwa auch eine Aufbahrung in der Pietät nicht mehr erlaubt war, beschreiben oft das Fehlen eines Puzzleteils, das verhindert, den Tod eines Menschen wirklich zu verstehen. Dieses Thema wird uns noch lange beschäftigen …
Ihre Beratung läuft telefonisch oder vor Ort, geht Trauerarbeit auch digital?
Petra Blumenstein: Aus meiner bisherigen beruflichen Erfahrung kann ich sagen: Digital geht ganz viel - vor allem hat es den Vorteil, dass sich digitale Formate unkompliziert und leicht in den Alltag einplanen lassen. Eine gute Option für alle, die mit solchen Formaten vertraut sind und etwa aus zeitlichen Gründen kein persönliches Treffen schaffen. Selbstverständlich können bestimmte Aspekte auf dem digitalen Weg nicht stattfinden: das Anreichen eines Taschentuches oder das persönliche sich Gegenübersitzen. Aber auch hier gilt: Nicht jeder braucht die persönliche Nähe in seiner Trauer. Manche Menschen suchen bewusst eine distanziertere Kontaktaufnahme, da ihnen eine persönliche Begegnung zu nah ist. Es ist eine Bereicherung, wenn wir auf verschiedene Formate und Angebote zurückgreifen können und wir sollten den Mut haben, hier zu experimentieren und Neues zu testen.
Sicher auch ein Weg, um mehr Menschen zu erreichen und der steigenden Nachfrage gerecht zu werden. Dabei spielt auch das Ehrenamt eine wichtige Rolle …
Petra Blumenstein: So ist es, ehrenamtliche Trauerbegleiter und Trauerbegleiterinnen sind eine große Hilfe in diesem Bereich. Ohne sie könnte vieles nicht angeboten werden. Menschen, die sich freiwillig in ein solch schweres Thema einarbeiten, sind etwas ganz Besonderes: Sie schenken anderen ihr Ohr, ihre Zeit, und stellen sich mit den eigenen Bedürfnissen zurück. Sie sind bereit, ohne Wertung und frei von Ansprüchen dem trauernden Menschen eine Stütze zu sein. Das ist anstrengend und doch finden sich immer wieder Menschen, die diese verantwortungsvolle Aufgabe gerne übernehmen. Ich habe großen Respekt vor allen Ehrenamtlichen, die sich in der Sterbe- und Trauerbegleitung einsetzen lassen möchten. Qualifizierungskurse und eine gute Begleitung während der Tätigkeit sind für uns das A und O. Wir suchen immer aufgeschlossene und empathische Menschen, die keine Furcht haben, sich mit den Themen Tod und Trauer zu konfrontieren. Viele Ehrenamtliche haben selbst einen persönlichen Trauerweg hinter sich - dies ist aber keine Voraussetzung dafür, sich in diesem Feld zu betätigen. In den letzten beiden Jahren haben bereits 20 Ehrenamtliche einen Einsteigerkurs abgeschlossen, das Angebot ist kostenlos. Die nächsten Schulungen sind übrigens im Frühjahr 2024 geplant. Interessierte dürfen sich jederzeit gerne an mich wenden.
Was planen Sie noch bzw. was wünschen Sie sich für Ihr Projekt?
Petra Blumenstein: Für das kommende Jahr habe ich das Glück, eine tolle Gruppe von neuen Ehrenamtlichen in den Bereich der Trauerbegleitung einarbeiten zu können. Das kostet Zeit und eine intensive Begleitung - aber dadurch können wir neue Gruppenangebote entwickeln und nachhaltig aufbauen. Ich freue mich sehr, wenn sich neue Formate entwickeln, auch in Kooperation mit anderen Stellen im Umkreis, die in der Trauerbegleitung tätig sind. Je besser wir vernetzt und im Austausch sind, desto tragfähiger wird das Netz aus verschiedenen Begleitungsmöglichkeiten für trauernde Menschen. Es ist mir ein persönliches Anliegen, dass jeder, der in seiner Trauer unterstützt werden möchte und Hilfe benötigt, diese auch bekommt. Dazu benötigen wir zum einen gut ausgebildete haupt- und ehrenamtliche Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter, zum anderen helfen uns Fördermittel und Spenden dabei, neue Projekte auf die Beine zu stellen und Angebote weiter auszubauen.
Sie haben die Finanzierung angesprochen: Gelder aus der Lotterie GlücksSpirale helfen bei der Projektumsetzung, was bedeutet diese Unterstützung für Sie?
Petra Blumenstein: Ohne die finanzielle Hilfe der Glücksspirale in Höhe von 58.562 Euro gäbe es meine Stelle nicht, noch bis Ende des Jahres läuft die aktuelle Förderung. Wir hoffen aber, dass wir im nächsten Jahr erneut auf die Unterstützung von LOTTO Hessen bauen dürfen. Der Folgeantrag ist bereits gestellt. Langfristig wollen wir ein ehrenamtliches Netzwerk an Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleitern aufbauen, von dem trauernde Menschen im Hochtaunus profitieren. Dafür braucht es Fördergelder und Spenden, insbesondere für die Qualifizierung und Ausbildung der Ehrenamtlichen. Für eine umfangreiche und fundierte Schulung, damit gewährleistet werden kann, dass trauernde Menschen fachlich gut begleitet werden. Dieses Themenfeld ist so sensibel, dass hier auf ausreichend Supervision und Reflexionsmöglichkeiten geachtet werden muss.
Petra Blumenstein ist Diplom-Sozialpädagogin und kann auf 20 Jahre Berufserfahrung in verschiedenen Feldern der sozialen Arbeit zurückblicken. Seit 2022 steht sie trauernden Menschen mit verschiedenen Angeboten zur Seite und koordiniert außerdem den Aufbau einer ehrenamtlichen Trauerbegleitung im Caritasverband Hochtaunus.
Das Interview führte Andreas Bickler, stv. Pressesprecher bei LOTTO Hessen GmbH.