Eine Antwort auf die Einsamkeit unserer Zeit
Möchten jüngere Generationen anders arbeiten? Die Vorstände Eugenie Riffel und Ludger Engelhardt-Zühlsdorff sprechen im Interview über ihre Ziele als Arbeitgeber und warum Sinnhaftigkeit so zentral ist. Aber auch darüber, was der wirkliche Kern einer "Stadtbild"-Debatte sein sollte.
Frau Riffel, Herr Engelhardt-Zühlsdorff, Sie haben eine "Vision 2030" erarbeitet und dabei auch über die eigene Verbandsidentität gesprochen. Wer möchte der Caritasverband Taunus denn sein?
Riffel: Wir wollen Verlässlichkeit und Wirksamkeit repräsentieren. Wir wollen zeigen, dass Menschen
Der Vorstand des Caritasverbands Taunus e.V.: Ludger Engelhardt-Zühlsdorff und Eugenie RiffelSonja Prein
sich in Krisenzeiten mit uns sicher fühlen können.
Engelhardt-Zühlsdorff: Wir möchten ein Partner für die Kommunen sein. Wir wollen aber auch für die Menschen in der Region präsent sein. Und wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber sein. Tatsächlich haben wir uns sogar das Ziel gesetzt, der attraktivste Arbeitgeber im Sozialbereich zu sein. Menschen, die sich sozial engagieren möchten, egal ob freiwillig oder hauptamtlich, die sollen das Gefühl haben: Ich kann hier mitgestalten, ich kann Verantwortung übernehmen, ich kann auch Karriere machen.
Wie stark nehmen Sie denn den Impuls wahr, dass Menschen sich sozial engagieren wollen?
Riffel: In der jüngeren Generation hören wir ganz stark die Frage nach dem Sinn. Also nicht nur: "Warum soll ich das machen?", sondern auch: "Warum soll ich das bei euch machen, was macht ihr anders?" Da begeben wir uns auch bewusst in einen Austausch. Wir wollen Generationen verbinden, auch in dem Sinne von: Was können wir von der jüngeren Generation lernen?
Also … Stichwort "Work-Life-Balance" zum Beispiel?
Riffel: Ja, aber hier vor allem auch: Warum haben jüngere Menschen da denn eine andere Sichtweise? Weil sie wissen, dass sie weniger sind als die Generationen davor, die Arbeit aber nicht weniger. Das zu begreifen und anderen zu vermitteln, das hat sehr viel geändert.
Engelhardt-Zühlsdorff: Das ist für mich der Kern: zu schauen, was hinter Worthülsen und Bildern liegt. Darüber zu reden, was dahintersteckt. Daraus entwickelt sich etwas ganz anderes als die immergleichen Vorurteile, wie eine bestimmte Generation angeblich ist. Wenn wir uns zum Beispiel über den Sinn von Leben und Arbeit austauschen, kommen wir zu neuen Lösungen, die uns verbinden. Das macht die Attraktivität unseres Verbands aus, und das wird offenbar auch so wahrgenommen.
Was haben Sie denn dabei gelernt?
Engelhardt-Zühlsdorff: Für mich war es zum Beispiel das Thema Feedbackkultur. Dass junge Menschen mir sagen: "Wir bekommen gerne Feedback - wir möchten aber auch welches geben." Das fand ich gut, und das passt auch zu uns.
Riffel: Generell das Thema Kommunikation. Jüngere Kolleg*innen hinterfragen zum Beispiel, ob jede E-Mail eine Anredefloskel und eine Dankesrede benötigt, oder ob nicht eigentlich mit einem "Daumen hoch" alles gesagt ist. Oder ob Dinge wiederholt werden müssen, die bereits im Verlauf stehen. Und auch das passt wieder zum Thema Work-Life-Balance: Menschen wissen, dass sie ihre Kräfte und Ressourcen gut portionieren müssen. Da darf man altgewohnte Kommunikationsregeln hinterfragen. Ehrlich gesagt ist das sogar für uns erleichternd, wenn ich einfach als Antwort bestätigen kann: "Das passt."
Engelhardt-Zühlsdorff: Es herrscht ja noch immer das Vorurteil, die jüngere Generation bekomme alles hinterhergetragen. Ich sehe das gar nicht. Da sind Menschen, die wollen Verantwortung übernehmen. Sie wissen aber auch, wie sie mit Kommunikationsmedien umgehen wollen.
Was folgt aus diesen Dialogen mit den Beschäftigten jetzt konkret?
Engelhardt-Zühlsdorff: Dass wir viel intensiver darüber sprechen, wie wir alle zusammenarbeiten wollen. Dabei geht es ja nicht nur um Generationen, sondern auch um verschiedene Lebensrealitäten ganz allgemein. Wie können wir zum Beispiel eine Dienstplangestaltung machen, die möglichst zu jeder und jedem passt? Wo können kleinere Teams vielleicht auch mehr selbst mitbestimmen?
Riffel: Das bedeutet für die Führungskräfte auch, neue Wege zu gehen, mehr zu kommunizieren.
Engelhardt-Zühlsdorff: Das Problem ist gleichzeitig: Alles hängt zusammen, und Erklärungen werden schnell komplex. Nicht jede*r möchte das in dieser Detailfülle erklärt bekommen. Es ist also nicht einfach mit "mehr Kommunikation" getan, sondern die Frage ist: welche Kommunikation? Mitarbeitende wollen zum Beispiel viel mehr direkt mit dem Vorstand sprechen und uns ihre Sichtweisen mitteilen.
Vor 20 Jahren wurde einfach noch von oben angeordnet, wo es hingeht?
Engelhardt-Zühlsdorff: Vielleicht. Aberheute geht es darum, im Dialog unterschiedliche Positionen auszutauschen und daraus eine Erklärung abzuleiten, an der sich alle orientieren können: Was wollen wir als Verband, was sind unsere Prinzipien, wo möchten wir hin? Wir machen mittlerweile einmal im Monat eine Onlinesitzung des Vorstands. Die nennt sich Coffee & Talk und geht immer eine Stunde. Daran beteiligen sich zehn Prozent aller Mitarbeiter*innen, das ist eine beeindruckend hohe Quote für solch eine Veranstaltung.
Riffel: Wir sind außerdem auch Teil eines größeren Systems, der Marke Caritas, also müssen wir auch auf die Nachbarverbände schauen. Wir müssen uns weiterentwickeln. Insbesondere, weil natürlich auch bei uns in den kommenden Jahren eine Verrentungswelle startet. Auch hier lohnt es sich, kreativ zu denken und zu fragen: Wie wollt ihr arbeiten? Es wird Menschen geben, die sich vielleicht in der Rente noch etwas dazuverdienen wollen. Jemand anderes sagt vielleicht, ich kann wegen meiner Kinder zwischen 12 und 16 Uhr nicht arbeiten, aber eine Kollegin kann genau da besonders gut. Das sind viele kleine Bausteine, und die sollten wir nutzen, damit Menschen arbeiten können.
Inwieweit beeinflussen gesellschaftliche Veränderungen denn solche internen Veränderungen?
Engelhardt-Zühlsdorff: Mir hat unlängst eine Mitarbeiterin aus unserer Beratung erzählt, dass vermehrt Menschen mit Fragen rund um psychische Gesundheit auf sie zukommen, obwohl das streng genommen gar nicht der Auftrag der Familien- und Lebensberatung ist. Aber diese Menschen bekommen eine solche Beratung an anderen Stellen nicht mehr. Unser System in Deutschland gerät da offenbar derzeit an seine Grenzen.
Riffel: Wir sehen das auch an anderer Stelle, wenn zum Beispiel die Pflegerin die einzige Person ist, die jemand an einem Tag sieht. Deswegen setzen wir uns ja so sehr für Sozialraumprojekte ein oder generell für alle Projekte, wo Menschen sich verbinden können. Vor Ort, aber bis in die Ebenen von Politik, Sozialwirtschaft und Wohlfahrtsverbänden.
Engelhardt-Zühlsdorff: Verbunden zu sein ist ein wichtiger Begriff. Wir leisten Dienste in den Lebenswelten der Menschen und geben damit eine Antwort auf die Einsamkeit unserer Zeit.
Das passt auch ein wenig zum Jahresthema des vergangenen Jahres.
Riffel: Ja, weil wir Türen in andere Ebenen öffnen. Und Menschen dazu befähigen, selbst Türen zu öffnen. Am Ende bringen diese Menschen übrigens selbst den Mut auf, durch die Türen zu gehen. Zum Beispiel auch viele Einwander*innen, die neue Sprachen lernen und sich dadurch den Weg in den Arbeitsmarkt öffnen.
Wir haben jetzt sehr viel von Sinn gesprochen. Gibt es hier nicht auch Berührungspunkte mit der alltäglichen Arbeit vieler Menschen beim Caritasverband?
Riffel: Ich weiß, dass einige unserer Mitarbeitenden genau deswegen zur Caritas kommen, um die Frage zu klären: Wer bin ich und warum mache ich das, was ich tue? Das gilt gerade auch für Menschen ohne Glaubensbezug.
Engelhardt-Zühlsdorff: Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt sich auf jeden Fall in Zeiten von Krankheit oder Not sehr viel deutlicher. Unsere Mitarbeitenden kommen also durch ihre caritative, unterstützende Tätigkeit auf ganz konkreter Ebene mit der Sinnfrage und mit Menschen in Kontakt. Wenn die Pflegerin kommt, geht es ja nicht nur um Pflege, es entsteht auch ein Dialog, es entsteht Nähe. Etwas Positives. Das erfüllt umgekehrt auch die Menschen im Caritasverband mit einem Gefühl von Sinn. Ganz konkret sogar. "Es macht Sinn, diesen Arbeitstag zu begehen." Das ist caritative Arbeit. Und eines der wichtigsten Dinge, die wir machen: Verbundenheit schaffen gegen die Einsamkeit.
Einsamkeit begleitet uns als Thema nun schon einige Jahre.
Engelhardt-Zühlsdorff: Einsamkeit ist und bleibt leider ein Thema. Wenn 19 Prozent der Jugendlichen sich als einsam bezeichnen, dann ist das ein Warnsignal. Wir haben da als Verband eine Rolle zu spielen. Es braucht Orte, wo Menschen zusammenkommen können. Deutschland geht es als Land sogar noch vergleichsweise gut, weil durch die Vereinsstrukturen viel abgefangen wird. So etwas ist unendlich wichtig für unsere Gesellschaft. Am Ende geht es beim Thema Einsamkeit um nichts weniger als um unsere Demokratie. Deswegen müssen wir darüber auch immer wieder sprechen.
Die Arbeit des Caritasverbandes ist zwangsläufig politisch, richtig?
Riffel: Natürlich, wir haben uns im vergangenen Jahr auch politisch klar geäußert, zum Beispiel während der "Stadtbild"-Debatte. Das betraf uns auf so vielen Ebenen, angefangen damit, dass wir Menschen vieler verschiedener Nationalitäten unter unseren Mitarbeitenden haben. Es war uns wichtig, deutlich zu machen, dass wir das Stadtbild sind und unsere Mitarbeiter*innen das Stadtbild verschönern und daran beteiligt sind, dass es lebenswert ist.
Engelhardt-Zühlsdorff: Und da sind wir auch stolz drauf. Diese Äußerungen haben uns schon sehr getroffen. Wir kennen schließlich die Realität in den Kommunen, wir sehen die Zunahme von Drogenkonsum, von Armut, wir sehen, dass Menschen auf der Straße leben. Vor allem sehen wir, dass viele Probleme, die vorher von Einrichtungen adressiert wurden, wo also Menschen in Häusern, in Wohnungen waren, sich immer mehr auf die Straße verlagern. Schauen Sie sich nur Frankfurt an, das ist ein hartes Leben. Aber das ist nicht die Schuld dieser Menschen, das ist selten individuelle Schuld, sondern das hat mit Lebensumständen zu tun oder damit, dass Kommunen das Geld fehlt, sich darum zu kümmern. Diese Debatte hat einen sehr schlechten Fokus getroffen.
Riffel: Eben. Wir könnten uns zunächst einmal fragen, warum so viel Armut auf den Straßen zu sehen ist - und warum es uns so sehr auffällt. Sollten wir vielleicht stärker an unserem psychosozialen Unterstützungssystem arbeiten? Wenn wir zum Beispiel von Menschen sprechen, die höchst traumatisiert sind aufgrund ihrer Fluchterfahrung - warum helfen wir diesen Personen nicht?
Die Frage zielt also letztlich auf uns alle?
Riffel: Wir sollten uns zumindest als Gesellschaft fragen, für was sind wir verantwortlich? Wenn Menschen ihre Jobs verlieren, ist das selten die Schuld der Menschen. Wenn in einer Stadt reihenweise Läden schließen, dann verändert sich natürlich das Stadtbild.
Engelhardt-Zühlsdorff: All das hängt miteinander zusammen. Viele Menschen, die zu uns kommen, wollen zum Beispiel gerne arbeiten, scheitern aber eben nicht an fehlenden Arbeitsplätzen, sondern an unserem überbürokratisierten System, das gleichzeitig zu wenig digitalisiert ist. Das alles erschwert die Situation übrigens auch für uns als Arbeitgeber.
Um mit einer positiven Note zu enden: Was war der Höhepunkt des vergangenen Jahres?
Engelhardt-Zühlsdorff: Dass wir der Fusion in der Außendarstellung noch mal eine Art Abschluss gegeben haben. Wir haben alle Bürgermeister*innen und Landrät*innen aus dem Taunus eingeladen, auf das Feldberghaus, das war also tatsächlich auch räumlich und örtlich eine Art Höhepunkt. Da hatten wir sehr positive Rückmeldungen: wie glatt die Fusion gelaufen sei, dass wir gut verankert seien in den Kommunen.
Riffel: Auch da schließt sich ein Kreis. Wir wissen, wo wir hinwollen. Das ist ein gutes Gefühl.