Türen in ein eigenständiges Leben geöffnet
Die Wohngruppe "Mauersegler" ist Familienersatz und Zuhause für allein nach Deutschland geflüchtete Mädchen und Jungen. Nun sind die ersten als junge Erwachsene ausgezogen. Für sie beginnt ein aufregender neuer Abschnitt - aber auch für die Wohngruppe stehen Veränderungen an.
Wenn Kinder eigene Wege gehen, schauen Eltern ihnen mit einem lachenden und einem weinenden
Paulin Zefi, pädagogischer Mitarbeiter in der Wohngruppe "Mauersegler"cvt
Auge nach. Ähnlich empfinden das die Betreuer*innen der Wohngruppe "Mauersegler" in Bad Homburg, wenn langjährige Schützlinge flügge werden und das sichere Nest verlassen. Im zurückliegenden Jahr sind die ersten UMAs ausgezogen. Die Abkürzung steht für "unbegleitete minderjährige Geflüchtete" - ein bürokratischer Sammelbegriff, hinter dem viele individuelle Schicksale, Entwurzelung und oft traumatische Fluchterlebnisse stecken.
"Diese Jungen und Mädchen stehen im Spannungsfeld zwischen ihrem kulturellen Hintergrund und einer für sie noch unbekannten Gesellschaft und Sprache. Viele tragen Verlustängste und Traumata in sich. Unsere Rolle ist es, sie bei der Identitätsfindung zu begleiten, ihnen Werte zu vermitteln und ihnen zu helfen, ihren Platz zu finden", erklärt Paulin Zefi, pädagogischer Mitarbeiter in der Wohngruppe. "Es ist sehr gut, dass minderjährige Geflüchtete in Deutschland direkt in die Schule aufgenommen werden. Dort kommen sie mit Gleichaltrigen in Kontakt."
Einige sind nun volljährig. Sie haben die Schule abgeschlossen und eine Ausbildung begonnen, sind auf der Suche nach einer eigenen Wohnung. "Wir haben im wahrsten Sinn sehr viele Türen geöffnet und diese Jugendlichen in ein eigenständiges Leben begleitet. Das ist erfolgreiche Integration", freut sich Ramika Tiemury. Sie hat im Juli 2025 beim Caritasverband Taunus die Abteilungsleitung Kinder, Jugend und Soziales übernommen und ist seitdem auch für die Wohngruppe "Mauersegler" zuständig.
Miteinander leben, voneinander lernen
"Das Außergewöhnliche an dieser Einrichtung ist, dass hier sowohl minderjährige Geflüchtete als auch
Ramika Tiemury, Abteilungsleiterin Kinder, Jugend und SozialesSonja Prein
Kinder und Jugendliche im Rahmen der klassischen Jugendhilfe betreut werden", erzählt sie. Kinder, die ohne Eltern aus ihren Heimatländern fliehen mussten, treffen dort auf Kinder aus Deutschland, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in ihren Familien leben können und womöglich keinen Kontakt zu den Eltern haben. Dieses Miteinander eröffnet neue Perspektiven; interkulturelles Lernen ist in der Wohngruppe ganz alltäglich. Unabhängig vom individuellen Hintergrund haben alle das gleiche Grundbedürfnis: sich angenommen und akzeptiert zu fühlen.
Im Haus der Wohngruppe in Bad Homburg leben Mädchen und Jungen im Alter von sechs bis 18 Jahren zusammen. Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer und eine Bezugsperson im Team der Mitarbeiter*innen. Die jungen "Mauersegler" geben einander auch gegenseitig Halt: "Es ist großartig zu erleben, wie empathisch die Kinder und Jugendlichen miteinander umgehen", findet Zefi. "Die Älteren zeigen sehr viel Verständnis für die Jüngeren und kümmern sich um sie. Das ist sehr wertvoll für unsere pädagogische Arbeit."
Offene Tür für alle schutzbedürftigen Mädchen und Jungen
Die Wohngruppe "Mauersegler" ist Teil des Caritas Jugendwohnverbunds St. Christophorus: Ursprünglich wurde sie geschaffen, um unbegleitete minderjährige Geflüchtete schnell und unbürokratisch aufzunehmen. Für viele von ihnen war sie die erste Tür, hinter der sie Schutz, Struktur und Perspektive fanden.
Nach und nach hat die Wohngruppe ihre Tür noch weiter geöffnet: Heute ist sie eine sogenannte stationäre Einrichtung. Sie steht allen Kindern und Jugendlichen offen, die wegen ihrer Lebensumstände vom Jugendamt in Obhut genommen werden und einen stabilen, verlässlichen Ort mit pädagogischer Begleitung benötigen. "Die Not ist groß", sagt Tiemury. "Wir erhalten Anfragen aus ganz Deutschland." Zwei der elf Plätze in der Wohngruppe "Mauersegler" werden für Notaufnahmen vorgehalten. Weil der Bedarf so groß ist, eröffnete der Caritasverband Taunus im November eine weitere Einrichtung in Oberursel, die Wohngruppe "Blaumeise" für in Obhut genommene Kinder und Jugendliche.
Aus einer Notsituation aufgenommene Kinder bleiben oft nur kurz bei den "Mauerseglern". Nach Möglichkeit sollen sie in ihre eigenen Familien zurückkehren, sobald es die Umstände zulassen. Für viele junge Geflüchtete dagegen ist die Wohngruppe über viele Jahre hinweg die Familie und das Zuhause.
Gemeinschaftsküche in der Wohngruppe Mauersegler cvt
"Niemand geht ohne Perspektive"
Der Übergang von einer betreuten Einrichtung, einem sicheren Ort mit festen Strukturen und Bezugspersonen, in die Eigenständigkeit ist ein großer Schritt, der manche zunächst überfordert. Plötzlich stehen sie vor der Frage "Was will ich eigentlich werden?", so beschreibt es Zefi. Umgang mit Geld, Bewerbungen schreiben, Verträge abschließen, Kommunikation mit Behörden, aber auch die Freizeitgestaltung - all das sollen die jungen Erwachsenen nun weitgehend selbstständig bewältigen.
Volljährig gewordene "Mauersegler", die noch nicht sicher genug allein fliegen, können über ihr 18. Lebensjahr hinaus Unterstützung durch die Jugendhilfe beantragen. "Wir lassen niemanden ohne Perspektive zur Tür hinausziehen. Es ist uns wichtig, dass die jungen Menschen ein gutes Netzwerk haben", betont Tiemury.
Viele bleiben nach ihrem Auszug in Bad Homburg oder in der Umgebung und halten losen Kontakt zu den Betreuer*innen. Zefi erzählt, wie ihm das Herz aufgeht, wenn ihm ehemalige Schützlinge begegnen, und wie er sich freut, wenn sie ihre Ziele erreichen. Zum Beispiel der junge Mann, der mit 14 Jahren als unbegleiteter Flüchtling in Deutschland ankam und nun an einer Universität studiert. Oder ein anderer, dem er Durchhaltevermögen mit auf den Lebensweg geben konnte: "Paulin, damals hast du zu mir gesagt, wir bleiben dran, bis wir eine Lösung finden. Dein Satz hilft mir heute noch oft."
Veränderungen zeichnen sich ab
Der Auszug der ersten in Bad Homburg aufgenommenen UMAs war 2025 ein prägendes Ereignis für die Wohngruppe "Mauersegler". Für die kommenden Jahre zeichnet sich eine Veränderung ab. Tiemury stellt sich darauf ein, dass nicht mehr so viele unbegleitete minderjährige Geflüchtete nachrücken werden - nicht zuletzt eine Folge der veränderten Migrationspolitik in Europa - und stattdessen mehr Kinder und Jugendliche über das Hilfenetz der Jugendämter aufgenommen werden. "Diese Entwicklung verändert die Gruppendynamik und erfordert konzeptionelle und inhaltliche Anpassungen. Mit den guten Fortbildungsmöglichkeiten innerhalb des Caritasverbandes werden wir unsere Kompetenzen ausbauen, etwa in den Bereichen Sexualtherapie und Traumatherapie." Die Abteilungsleitung sieht das pädagogische Team des Jugendwohnverbunds des Caritasverbandes Taunus dafür sehr gut aufgestellt. "Wir sind ein gut gefestigtes, multiprofessionelles Team."